Meine Erfahrungen mit der Shiatsu-Arbeit an den außerordentlichen Gefäßen bei KlientInnen in psychischen Belastungssituationen

Ich unterrichtete unlängst einen Kurs in der Shambhala Shiatsu Schule in Wien. Johanna Garnitschnig, die mir assistierte, brachte einen Beitrag über ihre Beziehung zu den außerordentlichen Gefäßen ein, in dem sie deren “innere Landschaft” beschrieb. Mir gefiel die Art und Weise, wie sie dies beschrieb und ich lud sie ein, einen Beitrag über ihre Erfahrung in der Arbeit mit den außerordentlichen Gefäßen zu schreiben. Johanna ist sowohl Shiatsu-Praktikerin als auch Klinische und Gesundheitspsychologin und viele ihrer KlientInnen kommen wegen psychischer Beschwerden zu ihr. Die Arbeit mit den außerordentlichen Meridianen ist zu einem Kernstück ihrer Arbeit geworden. 

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Das nähere Kennenlernen, Erfahren und Erspüren der Energie und Kraft der außerordentlichen Gefäße war und ist für mich wie die Entdeckung und das Erforschen einer neuen, inneren Welt. Ich erlebe die Arbeit daran wie ein Hineinblicken und – spüren in den inneren Kern eines Menschen, einen Zugang zu seiner Persönlichkeit, seinem Wesen, seinem Selbst. Für mich bilden die außerordentlichen Gefäße eine Art Behälter/Container, eine Struktur für die innere Landschaft des Menschen. Diese Struktur ist bei guter Gesundheit flexibel und stützend zugleich. Ensteht ein Ungleichgewicht, werden ein oder mehrere Gefäße zu fest, manchmal starr und wenig beweglich oder zu locker und können damit nicht mehr ausreichend Halt geben. Das kann körperlich sichtbar und tastbar sein, im Zustand einzelner außerordentlicher Gefäße spürbar werden und wiederspiegelt sich im emotionalen und psychischen Befinden einer Person.

Ist ein Mensch emotional oder psychisch belastet, wirkt sich das zweifelsohne auf sein Inneres, sein Selbst, seine Persönlichkeit aus. Psychisch destabilisierend können dabei sowohl positive Ereignisse als auch negativ belastende Erlebnisse sein. Eine Schwangerschaft etwa ist für Frauen in vielerlei Hinsicht eine Zeit der Veränderung, die sehr aufrührend sein kann. Frauen, die einen intensiven, (noch) unerfüllten Kinderwunsch haben, haben oft große Zweifel am Leben, an sich selbst. In der Praxis haben wir immer wieder mit KlientInnen mit unterschiedlichen psychischen Problemen oder auch manifesten psychischen Erkrankungen zu tun.

Wird das Wesen eines Menschen durch starke Belastung oder gar traumatische Erfahrungen erschüttert, erlebe ich in der Shiatsu-Arbeit immer wieder, dass der Zugang zu diesem Menschen über die zwölf Hauptmeridiane nur sehr schwer oder auch gar nicht möglich ist. Der Körper kann sich dann so anfühlen, als wäre er von einer filzartigen Schicht umschlossen. Diese oft undruchdringliche Hülle sehe ich als einen Schutz des Ich vor der Außenwelt. In akuten Krisen kann diese Schutzschicht durchaus hilfreich sein und hat damit  eine manchmal lebenswichtige Funktion. Man sollte in der Shiatsu-Arbeit nicht versuchen, diese über besonders intensive oder tiefe Arbeit an den Meridianen, durch Rotationen oder Dehnungen zu „durchbrechen“. Und das ist ein sehr wichtiger Punkt: Es geht nicht darum, die schützende Hülle zu umgehen oder zu durchbrechen, sondern darum, den Menschen und seine innere Halt gebende, ordnende Struktur zu unterstützen. Psychopharmaka können wie eine Art Schutzpanzer zwischen der inneren Welt und der Außenwelt fungieren, was für uns im Shiatsu auch als filzige, zähe und undurchdringliche Schicht spürbar sein kann. Das ist allerdings stark von der Art des Medikaments und dessen Dosierung abhängig.

Für mich steht die emotionale und psychische Befindlichkeit eines Menschen in einer starken Verbindung mit dem Zustand der außerordentlichen Gefäße. Meiner Erfahrung nach ist es meist möglich, über diese einen Zugang zum Inneren zu bekommen, ohne dabei invasiv zu sein. Durch ruhige, haltende, stabilisierende Arbeit an den außerordentlichen Gefäßen können wir eine Klientin/einen Klienten mit Shiatsu dabei unterstützen, wieder mehr Halt in sich selbst zu finden, Gedanken, Gefühle, Erlebnisse zu ordnen. Wirre, unstrukturierte, instabile Energie lässt sich besänftigen, innere Unruhe kann zur Stille werden, Starre wieder in sanfte Bewegung übergehen. Bei stark traumatisierten KlientInnen kann es während der Shiatsu-Behandlung gelingen, ein Abdriften in schwere Gedanken, ein Zurückfallen in traumatische Erinnerungsbilder, in eine andere, frühere Realität und die damit verbundenen Reaktionen zu verkürzen oder sogar zu verhindern, dass diese Erinnerungen zu überwältigend werden. Dies kann eine langsame, tiefgreifende Integration und Gesundung ermöglichen.

Die außerordentlichen Gefäße haben eine starke Verbindung zu Yin und Yang, zur Mitte, zum Jing, zu den Nieren, zum Gehirn, zum Shen und damit zu Emotionen, Gefühlen und der psychischen Verfassung. Sie regulieren auch das Abwehr Qi (Wei Qi) und beeinflussen die Art und Weise, wie wir uns in unserer Umwelt zurechtfinden.

Wir können etwa über das Lenkergefäß (Du Mai) jemandem – auch im übertragenen Sinn – den Rücken stärken, sie/ihn psychisch aufrichten. Über dessen Verbindung mit den Nieren, dem Gehirn und dem Shen sind auch diese positiv beeinflussbar. Die Arbeit am Konzeptionsgefäß (Ren Mai) kann die Körpervorderseite stärken. Sie kann einerseits eine Öffnung nach vorne, zur Außenwelt, gleichzeitig aber auch einen guten Schutz für das Selbst und die Person unterstützen und eventuell vorhandene Traurigkeit oder auch Ängste mindern. Im Gürtelgefäß (Dai Mai) werden nicht verarbeitete Emotionen, Erlebnisse, Erinnerungen und Verletzungen gespeichert. Das macht sich körperlich nicht selten durch Verdauungsbeschwerden oder Beschwerden im Unterbauch bemerkbar. eilung sta

Über das Vitatiltätsgefäß (Chong Mai) können wir mit Shiatsu die Nieren und die Verbindung zur Mitte stärken. Durch seine Beziehung zum Herz und zum Shen, kann auch mehr Klarheit im Fühlen und Denken erreicht werden.

Girdle Vessel, Penetrating Vessel with Conception and Governing Vessel

Girdle Vessel, Penetrating Vessel with Conception and Governing Vessel

Auch das Halten der Schlüssel- und Paarungspunkte ist diagnostisch recht aussagekräftig. Wir können über sie sehr schnell ein Bild über den Zustand der außerordentlichen Gefäße bekommen. Neben ihrer öffnenden Qualität haben sie auch eine stabilisierende Wirkung, verbinden oben und unten, erden, verankern, verbinden und strukturieren.

Als weiteren wichtigen Bestandteil in der Behandlung empfinde ich sowohl diagnostisch als auch therapeutisch das Einbeziehen der Herz-Uterus und der Nieren-Uterus Verbindung und das Halten und Verbinden von Nierenbereich und Gehirn. Durch das Halten der Verbindungen kann ich als Shiatsu-Praktikerin einen guten Einblick in den Zustand der Klientin zu Beginn und im Verlauf der Behandlung bekommen und Veränderungen gut wahrnehmen. Ich kann etwa innere Ruhe oder Unruhe, inneres Zittern, Leere, Kraft, aber auch wie die Kraft oder Energie ab- und zunimmt spüren.

Gerade in der Arbeit mit psychisch belasteten und vor allem mit Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, ist es immens wichtig wie und wo wir berühren. Ich finde es essentiell, schon vor der Behandlung nachzufragen, ob es Bereiche gibt, in denen die Klientin/der Klient nicht berührt werden will und während der Shiatsu-Sitzung im Zweifelsfall und auch bei eigener Unsicherheit, immer nachzufragen. Wir müssen sehr aufmerksam sein und in jedem Moment wahrnehmen was passiert, damit wir einen sicheren Raum bieten können, in dem Vertrauen und Öffnung möglich sind. Dies ist eine Grundvoraussetzung für Gesundung.

In der Shiatsu-Behandlung lasse ich mich von den außerordentlichen Gefäßen in den inneren Raum der Klientin/des Klienten führen, höre zu, spüre hinein, warte auf eine Antwort. Ich versuche auch meinerseits einen Raum zu schaffen, in dem Stille und Erholung, Bewegung und Entwicklung möglich sind. Meine Intention in der Arbeit an den außerordentlichen Gefäßen ist, den Menschen individuell dabei zu unterstützen, was für sie/ihn hilfreich ist: zur Ruhe zu kommen, innere Stille zu erleben, in die eigene Mitte, zu sich selbst zu kommen, Unstetigkeit zu besänftigen, Gelassenheit zu erleben, eine innere Stütze zu haben, die ureigene innere Kraft für sie oder ihn (wieder) erfahrbar, spürbar zu machen.

 

Fallgeschichte:

Rita (24 Jahre) erzählt, dass sie seit ihrer Kindheit unter Ängsten leide. Zu einem permanenten Angstgefühl, das alles dämpfe, kämen Schweißausbrüche, Erröten und Hitze im Kopf im Kontakt und bei der Kommunikation mit anderen Menschen hinzu. Dies hindere sie oft dabei, aus dem Haus zu gehen. Sie berichtet von jahrelangem starkem Zähneknirschen in der Nacht besonders dann, wenn es ihr psychisch schlecht gehe. Ihr Partner habe kein Verständnis für ihre Situation. Seit mehreren Jahren mache sie Psychotherapie. Vor Kurzem seien ihr ein Antidepressivum und ein angstlösendes Medikament verschrieben worden.

 

Beobachtungen:

Ritas Haltung ist sehr aufrecht und wirkt etwas starr. Die Schultern fallen leicht nach vorne, der Kopf ist eingezogen. Sie nimmt anfangs selten direkten Blickkontakt mit mir auf. Sowohl körperlich als auch mental wirkt sie sehr kontrolliert. Sie hat eine hohe Körperspannung, der Kiefer arbeitet immer wieder, die Zähne sind oft zusammengebissen. Sie scheint sich selbst permanent zu beobachten und zu bewerten und zu erwarten, dass auch andere das tun.

 

Mein Fokus in der Behandlung (über einen Zeitraum von 4 Monaten):

Bei der ersten Behandlung spüre ich einen starren Schutzpanzer vor allem im Oberkörper, der Rita aufrecht hält und die emotionale und mentale Unordnung in ihrem Inneren zusammenhält. Dieser Schutzpanzer löst sich im Verlauf der weiteren Behandlungen ganz auf (obwohl die Medikamentendosis erhöht wurde).

Die Stärkung ihrer Mitte und damit die Verschiebung des Fokus aus der Außenwelt und weg von den Angstsymptomen hin zu ihrem gesunden Inneren hat für mich Priorität. Sanfte, haltende Arbeit am Chong Mai am Bauch ermöglicht das. Die geballte Energie aus dem Kopf fließt nach unten. Rita kann sich sichtbar entspannen. Durch die Behandlung des Chong Mai an den Beinen und Füßen versuche ich, die Energie zu erden und zu verankern. Die Körperspannung lockert sich und auch der Kiefer wird deutlich entspannter. Energetisch kommt ebenfalls viel in Bewegung. Ich kann eine Zunahme von Klarheit wahrnehmen. Auch die direkte Arbeit am Kopf, am Kiefer, am Nacken und den Schultern löst viel Spannung. Mithilfe des Du Mai versuche ich, ihr den Rücken zu stärken und die Klarheit im Geist (Shen) zu unterstützen.

Die deutlich spürbare, starke innere Unruhe und Erregung lässt sich sowohl durch das Halten der Herz-Uterus-Verbindung als auch durch die Arbeit am Chong Mai relativ schnell besänftigen. Sie kommt aber immer wieder an die Oberfläche, sodass es notwendig ist, sie wiederholt zu beruhigen. Dafür eignet sich besonders auch der Schlüsselpunkt des Chong Mai (Milz 4). Zur Stärkung der Verbindung zur Erde und zur Außenwelt bewähren sich Blase 62 und Niere 6.

Chong Mai und Du Mai helfen speziell bei der Stärkung des Abwehr Qi. Durch sehr behutsame Arbeit am Ren Mai kann sich die Vorderseite öffnen und wird gestärkt, womit auch ein guter Schutz für das Selbst unterstützt wird. Traurigkeit und Ängste haben ihren Platz, können aber nicht so leicht überhandnehmen. Dai Mai hilft bei der Bearbeitung von Altlasten aus der Vergangenheit.

 

Veränderungen:

Rita erzählt, dass sich die Angst im Kontakt mit anderen Menschen sehr vermindert habe. Das unangenehme Schwitzen habe an Intensität und Häufigkeit abgenommen. Nach der von ihr ausgegangenen Trennung von ihrem Partner fühle sie sich leichter und freier. Insgesamt sei sie entspannter, ausgeglichener und fröhlicher. Sie habe sogar wieder zu arbeiten begonnen. Sie sehe und spüre viele positive Veränderungen in ihrem Leben und sei sehr stolz auf ihre Fortschritte.

Rita wirkt selbstbewusster und zufriedener mit sich selbst und der Welt. Sie blüht regelrecht auf, was an ihrer entspannteren Haltung, dem lockereren Kiefer, dem Leuchten in den Augen, ihrer Fröhlichkeit und der entspannteren Kommunikation mit mir bemerkbar ist.

 

Resümee:

Einen gewissen Anteil an Ritas Weg zur Gesundung mögen auch die Medikamente haben. Ich denke aber, dass die Shiatsu-Behandlungen und hier speziell auch die Arbeit an den außerordentlichen Gefäßen Rita zu sich geführt und ihr einen tieferen Blick in ihr Inneres ermöglicht haben. Ihr Selbstbewusstsein, ihre Reflexionsfähigkeit und die Fokussierung im Denken und Handeln wurden dadurch gestärkt. Dies erleichtert ihr auch das Bei-Sich-Bleiben in der Interaktion und Kommunikation mit anderen Menschen. Ich bin dankbar dafür, dass ich Rita mithilfe von Shiatsu durch die Herausforderungen und Veränderungen des Lebens begleiten darf.

Johanna Garnitschnig

Dipl. Shiatsu-Praktikerin, Klinische und Gesundheitspsychologin

3 comments

  1. Voll schön beschrieben. Ich nehme es bei mir und bei meinen Klienten ganz ähnlich wahr.
    Es ist wie eine Landschaft aus Bächen und Flüssen (Meridiane). Die Seen und die großen Ströme (auf der Erde) entsprechen den Gefäßen… Und dann gibt’s da noch die Meere, die Ozeane und den Kosmos… Und und und :-) es ist schön zu wissen dass ich mit meinen Wahrnehmungen nicht alleine bin. Danke. Ume

  2. Pingback: The Extraordinary vessels and psychological issues | Well Mother

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